CTCA Letter Februar 2020

veröffentlicht: 22. Februar 2020
Verfasser: Axel Wiebrecht

Coronavirus – Gefahr durch chinesische Arzneidrogen?

Einzelne Anfragen dazu kommen von Patienten und Fachpersonen. Das Coronavirus SARS-CoV-2 stammt offensichtlich von Tieren ab und hat sich an den Menschen adaptiert. Als Quellen wurden oder werden mitunter auch tierische TCM-Arzneidrogen benannt, wie die Schlage Bungarus multicinctus (jin qian bai hua she) oder die Schuppen des Schuppentieres Manitis Squama (chuan shan jia). Bestätigungen gibt es dafür nicht.

Wie auch immer: Eine Krankheitsübertragung in Europa durch chinesische Arzneidrogen ist extrem unwahrscheinlich. Jährlich werden aus China Waren im Wert von über 100 Milliarden Euro nach Deutschland importiert, darunter auch frische Lebensmittel. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) schreibt dazu aktuell: 

„Können importierte Waren aus Regionen, in denen die Krankheit verbreitet ist, Quelle für eine Infektion beim Menschen sein? Aufgrund der bisher ermittelten Übertragungswege und der relativ geringen Umweltstabilität von Coronaviren ist es nach derzeitigem Wissensstand unwahrscheinlich, dass importiere Waren wie importierte Lebensmittel oder Bedarfsgegen­stände und Spielwaren, Werkzeuge, Computer, Kleidung oder Schuhe Quelle einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus sein könnten.“

Was für frische Lebensmittel gilt, gilt umso mehr für getrocknete Arzneidrogen, die schon eine Zeit der Lagerung hinter sich haben, bis sie in Deutschland ankommen, und erst recht für Granulate, die aus einem mehrstündigen Kochvorgang hervorgegangen sind. Nach aktuell best verfügbarem Wissen sind daher die Befürchtungen unbegründet.

Chinesische Medizin und Doping

Bei den olympischen Spielen in Beijing hatte eine Reihe von chinesischen TCM-Patent­präparaten zu positiven Dopingtestungen geführt. Dafür können einerseits Beimischungen von nicht deklarierten pharmakologischen Substanzen oder Verunreinigungen verantwort­lich sein. Andererseits können aber auch chinesische Arzneidrogen selbst in bestimmten Fällen zu positiven Reaktionen führen. Bekannt ist das für Ephedrae Herba (ma huang) wegen der darin enthaltenen Ephedra-Alkaloide (Ephedrin, Pseudoephedrin u.a.). Eine weitere auf der Liste der World Anti-Doping Agency (WADA) aufgeführte Substanz, die in chinesischen Arzneidrogen enthalten sein kann, ist Higenamin.

Dieses ist ein Inhaltsstoff der Aconitum-Drogen, von Asarum (xi xin) und verschiedener Lotus-Drogen: Nelumbinis Plumula (lian zi xin), Nelumbinis Semen (lian zi), und Nelumbinis Folium (he ye), bei weiteren Lotusdrogen ist dieses nicht auszuschließen. Higenamin ist ein Beta1- und Beta2-Rezeptoragonist, mit dem einige pharmakologische oder auch klinische Studien gelaufen sind. Es steht anscheinend erst seit Kurzem auf der WADA-Liste. Die o.g. Drogen sollten für Leistungssportler nicht verschrieben werden, da ihre Einnahme zu einem positiven Dopingtest führen dürfte.

Interstitielle Pneumonie unter Kampo-Rezepturen

Seit dem Jahr 1989 sind aus Japan immer wieder Berichte über eine interstitielle Pneumonie erschienen, die auf Kamporezepturen zurückgeführt wurde. Der letzte Bericht stammt aus 2019. Ein großer Teil geht auf die Rezeptur sho-saiko-to zurück, die dem chinesischen xiao chai hu tang entspricht. Allerdings verwendet die Kampomedizin teilweise andere Pflanzen­spezies als die Chinesische Medizin. Aber auch weitere Kamporezepturen sind mit dem Krankheitsbild assoziiert. Dieses ist durch Husten, Luftnot und Fieber gekennzeichnet. Die Entzündungswerte sind nicht wesentlich erhöht, Hinweise auf eine allergische Genese finden sich nur in einem kleinen Teil der Fälle. Das Röntgenbild zeigt milchglasartige bzw. ring­förmige Verschattungen, Infiltrationen oder Kombinationen davon. Auffällig war ein höherer Anteil von Patienten mit Zustand nach Hepatitis-C-Infektion.

Nach einem Review, das 73 Fälle analysierte, kamen unter den in den Rezepturen verwen­deten Komponenten Scutellariae Radix in 86%, Glycyrrhizae Radix in 85%, Ginseng in 62%, Bupleuri Radix in 59% und Pinelliae Tuber in 58% vor. Man kann daher nicht eine einzige Droge allein für die Reaktionen verantwortlich machen. Die Rezeptur gosha-jinki-gan, die in 4 % der Fälle beteiligt ist, enthält z.B. keine der genannten Einzeldrogen. In einem kleineren Teil der Fälle entwickelte sich die Reaktion in zeitlichem Zusammenhang mit einer Inter­feron­behandlung. Seit 1994 gilt eine Therapie mit Interferon als Kontraindikation für sho-saiko-to, 1996 sprach das japanische Gesundheitsministerium eine offizielle Warnung aus. Interessanterweise stehen die beteiligten Rezepturen auch in Zusammenhang mit Leber­reaktionen in Japan, auch hier führt das häufig gerade bei schon bestehendem Leberschaden verschriebene sho-saiko-to die Statistik an. 

Für die Verhältnisse in Europa hat die interstitielle Pneumonie zumindest bislang keine Rolle gespielt. Man sollte diese Nebenwirkung jedoch im Blick haben, falls entsprechende Symp­tome auftreten. Leberreaktionen unter ähnlichen Rezepturen kommen jedoch auch bei uns vor, so eine an das CTCA gemeldete Reaktion unter einer erweiterten Form von xiao chai hu tang. Nähere Einzelheiten zum Thema „Interstitielle Pneumonie und Kampo-Medizin“ finden Sie auf unserer Website hier.

Mit besten Grüßen,

Axel Wiebrecht